Michael Bayerl

Kreativer Exil-Bayer in Franken

Bauhaus und Großstadt – von Berlin nach Dessau

Berlin zuerst: ein paar Tage zwischen Regierungsviertel, Alexanderplatz und Kurfürstendamm. Am besten hat uns die Stadt vom Oberdeck des Hop-on-Hop-off-Busses gezeigt – einsteigen, aussteigen, weiterfahren, je nachdem, wo es gerade spannend aussah. Das war lustig und toll, und man bekommt in kurzer Zeit ein Gefühl dafür, wie groß und wie verschieden diese Stadt ist.

Der Reichstag mit seiner gläsernen Kuppel, das Brandenburger Tor bei Nacht, der Fernsehturm, der sich von überall ins Bild schiebt, das KaDeWe mit seiner mächtigen Fassade, und darunter die gelb gekachelten U-Bahnhöfe. Und abends das Sony Center: Das Zeltdach über dem Forum leuchtet in immer neuen Farben, mal blau, mal violett, mal pink, grün oder orange, und man steht darunter und schaut einfach zu, wie es wechselt. Berlin ist ein Lehrbuch, in dem jede Epoche ihre eigene Seite aufgeschlagen hat, manchmal direkt nebeneinander, manchmal übereinander.

Wer sich für Architektur begeistert, fährt danach nicht auf dem schnellsten Weg nach Hause. Auf der Rückfahrt machten wir Halt in Dessau, bei den Meisterhäusern an der Ebertallee. Walter Gropius hat sie 1925/26 zusammen mit dem Bauhausgebäude entworfen, nachdem die Schule aus Weimar nach Dessau umgezogen war: ein Einzelhaus für den Direktor und drei Doppelhäuser für die Meister – Moholy-Nagy und Feininger, Muche und Schlemmer, Kandinsky und Klee. Weiße Kuben, klare Fensterbänder, flache Dächer, ganz unaufgeregt zwischen Kiefern. Was heute selbstverständlich wirkt, war damals eine Kampfansage an Stuck und Schnörkel. Im Krieg wurden das Direktorenhaus und eine Hälfte des Hauses Moholy-Nagy zerstört, die übrigen Häuser wurden nach und nach wiederhergestellt, das Haus Muche/Schlemmer zum Beispiel 2002.

Spannend fand ich, wie viel von unserem Alltag dort seinen Anfang genommen hat. Die Wagenfeld-Leuchte mit ihrem Glasschirm, die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer, die Teekannen und Lampen aus der Metallwerkstatt von Marianne Brandt, Stoffe aus der Weberei, die klare Typografie ohne Großbuchstaben – und die Bauhaus-Tapeten, die ausgerechnet das wirtschaftlich erfolgreichste Produkt der Schule wurden. Die Idee war, gute Gestaltung in Serie zu bringen, für alle. Vieles davon steht heute noch in Wohnungen, Büros und Möbelhäusern, oft ohne dass man weiß, woher es kommt.

Und dann ist da noch die Frage, wem das Bauhaus eigentlich gehört. Gegründet wurde es 1919 in Weimar, mit Gropius’ Manifest und einer Schule, die viel mit Handwerk und Kunst experimentierte. Als die neue Landesregierung das Budget halbierte, zog es 1925 nach Dessau – und erst dort entstanden das berühmte Schulgebäude, die Meisterhäuser und die Zusammenarbeit mit der Industrie. 1932 ging es weiter nach Berlin, wo Mies van der Rohe die Schule noch kurz privat fortführte, bis sie 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten schließen musste. Weimar sieht sich als Geburtsort, Dessau als den Ort, an dem das Bauhaus wirklich zum Bauhaus wurde, und Berlin hat das Bauhaus-Archiv. Zum 100. Geburtstag 2019 haben Weimar und Dessau jeweils ein eigenes neues Museum eröffnet. Ein Streit, der fast so viel über das Bauhaus erzählt wie die Häuser selbst.

Zusammenfassend: Wer Berlin und Dessau auf einer Reise verbindet, sieht in wenigen Tagen, wie aus einer Idee von 1919 eine ganze Stadtlandschaft geworden ist.


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